Suchtprävention
 

Ehemalige Magersüchtige erzählt

     
 

Den Hunger verloren
Sie wirkt dynamisch, attraktiv und erfolgreich, die junge Frau aus Hamburg, die mit ihrem Rollkoffer am Donnerstag über den Schulflur eilt. Gleich wird sie den Siebt- und Achtklässlern aus ihrer Jugend erzählen. Über ihre Lebensgeschichte, von der sie selbst sagt: "Krass, dass ich das selbst erlebt habe. Ich hätte es beinahe nicht überlebt."
Die junge Frau heißt Christina Helmis, ist 26 Jahre alt und litt in ihrer Jugend an Magersucht. Im Rahmen der Suchtpräventionswoche ist sie zu Gast in der St.-Anna-Realschule.
Und die 12- bis 15 Jährigen hängen an ihren Lippen, als sie aus ihrem Buch vorliest: vom Gefühl, immer dünner sein zu müssen, von Schmerzen und Ohnmacht, von Herzrasen und von Erbsenzählereien in der Suchtklinik. Von 33 Kilogramm Körpergewicht bei einer Größe von 1,73 Meter. "Wärest du zwei Wochen später in die Klinik gekommen, wärest du gestorben." Siebtklässlerin Chiara (12) ist tief beeindruckt. "Ich habe öfter mal was über Magersucht gehört", sagt sie. "Aber ich habe nicht gewusst, wie groß der Zwang und das Leid sind, nicht essen zu wollen oder zu können."
Chiara und ihre Mitschüler bombardieren den Gast mit Fragen: Wie konnte es dazu kommen? Haben Sie keinen Hunger gehabt?"
Das war ein schleichender Prozess, das kriegst du zuerst gar nicht richtig mit", erklärt Christina Helmis. Mit zwölf sei sie ein wenig pummelig gewesen. Dann trennten sich ihre Eltern. "Ich wollte stark sein und habe alle Probleme mit mir selbst ausgemacht." Ihre Tagesration bestand zu den schlimmsten Zeiten nur aus einigen Gurkenscheiben und Paprikastückchen. "Ich hatte den Hunger verloren." Haben auch Schönheitsideale eine Rolle gespielt? "Germany’s next Topmodel gab es damals ja noch nicht. Aber in Zeitschriften habe ich schon geguckt, wie denn die Models aussehen." Aber, so betont die junge Frau, "es macht keinen Sinn, solche Zeitschriften oder Sendungen zu verbieten. Doch die Jugendlichen müssen wissen, wohin der Schlankheitswahn führen kann."

Das genau sei der Sinn der Suchtpräventionswoche, sagt Biologie- und Chemielehrer Gerhard Schäfer (Foto), der das Programm gemeinsam mit der Schulleiterin Regina Frenker vorbereitet hat.
"Die Jugendlichen sollen aus erster Hand erfahren, welche Risiken und Gefahren Alkohol, Drogen, Magersucht und andere Abhängigkeiten mit sich bringen. Das kann keiner überzeugender vermitteln als Betroffene selbst."
Christina Helmis aber zeigte den Realschülern noch mehr: ihren Ausweg aus Krise und Krankheit, den sie mit Hilfe der Therapeuten schaffte - und vor allem dank einer Erkenntnis: "Ich hätte jeden Tag sterben können. Aber ich wollte ja noch leben."

   
Christina Helmis erzählt den St.-Anna-Realschülern von ihrer überstandenen Magersucht